Regen verhinderte den kompletten Grenzgang

Am Tennisheim Grenzgang leider abgebrochen.  Gemütlicher Abschluss der Teilstrecke am Weiherplatz.  Der 2. Teil soll im Herbst fortgesetzt werden.

Teilnehmerzahl und Durchführung wurden durch das regnerische Wetter am 1. Juli leider erheblich behindert. Dies sahen auch die beiden Gießener Zeitungen so, die über den Grenzgang ausführlich berichteten.

Erste Informationen am Heimatmuseum (Foto: Wissner)

KWI-Fraktionsvorsitzender Gernot Buseck begrüßte die Teilnehmer und bedankte sich bei Edgar Neidel und Markus Bepler für die gute Vorbereitung des Grenzganges. Anhand von Grenzkarten, Fotos und sonstiger historischen Unterlagen erläuterte Willi Heß die frühere und heutige Situation der Gemarkungsgrenze zwischen den beiden Ortsteilen im Bereich der ehemaligen Bahntrasse.

Da diese nach dem Wiener Kongress 1815 nicht nur Gemeinde- und Kreisgrenze, sondern auch Landesgrenze zwischen Preußen und Hessen war, wurde vor 1870 die „Kanonenbahn“ Berlin-Metz auf dem Teilstück Lollar Wetzlar nur auf der preußischen Kinzenbacher Gemarkung geplant. Sie sollte oberhalb des Dorfes etwa dem ehemaligen „Gleiberger Weg“ zwischen  Krofdorf und Atzbach folgen, wodurch der Bahnhof dann heute etwa in der oberen Waldstraße wäre.
Diese Streckenführung wäre durch größere Geländeeinschnitte sehr teuer geworden. Durch die Reichsgründung 1871 einigte sich das Land Preußen mit dem Großherzogtum Hessen auf die kostengünstigere Trasse mit den rund 3 km durch die hessische Gemarkung Heuchelheim, mit der Zusage, dass Heuchelheim am Abendstern wenigstens einen Haltepunkt bekommt. Es konnte ja nicht sein, dass das kleine Kinzenbach den Hauptbahnhof auf der Strecke bekam und das größere Heuchelheim leer ausgehen sollte. Zu dieser Zeit gab´s ja die Bieberlies noch nicht.

Weiter berichtete Willi Heß, dass nach dem Zusammenschluss der beiden Gemeinden 1967 die Gemarkungsgrenze im Bereich untere Bahnhofstraße und Berkenhoffstraße um 1970 zugunsten Heuchelheims geändert wurde, was bis heute vielen Einwohnern, außer den Betroffenen, noch gar nicht bewusst geworden ist. Aus Vernunftgründen nämlich wurde der Kinzenbacher Gemarkungsteil unterhalb des Bahnhofs bis zur Landstraße Heuchelheim-Atzbach auf das Grundbuch Heuchelheim umgeschrieben, um die behördliche Realisierung des neuen Baugebietes vom Linn bis Bahnhofstraße erheblich zu vereinfachen. Dadurch sind die damals schon bestehenden Häuser unterhalb des Bahnhofs, bekannt als „In der Sonne“, ein Kuriosum. Sie stehen jetzt auf Heuchelheimer Gemarkung, zählen aber nach wie vor zum Ortsteil Kinzenbach.
Alle Straßen der früher auch „Vogelgesang“ und „Ober dem Atzbacher Weg“ genannten Flur bekamen daher Vogelnamen. Daher sprach man anfangs auch vom „Singvogelviertel“, bis auffiel, dass Kiebitz und Falke wohl eher keine Singvögel sind, erzählte Willi Heß schmunzelnd.

Im Akazienweg und der Ecke Falkenstraße zeigte Heß den heute verschwundenen Bahnübergangs zwischen Bauhof und Fa. Berkenhoff zum Hellasweg und dass die aktuelle Gemarkungsgrenze nicht mehr unterhalb des Akazienwegs verläuft, sondern heute am Bahnkörper entlang Richtung Bahnhof. Damit zählen die Fa Wockenfuß und die Evang. Gemeinschaft jetzt zum Ortsteil Heuchelheim. Anhand einer Luftaufnahme von 1955 war noch der Rand der ehemaligen „Hessischen Eerekaut“, einem Teil des heutigen Festplatzes zu erkennen, wie auch die Kinzenbacher Tongrube, die heute von Fa. Berkenhoff komplett verfüllt und bebaut ist.

Erläuterungen am Festplatz (Foto: M. Henkelmann)

Bei der Erschließung der Grube auf der Heuchelheimer Seite um etwa 1900 wurde ein Förderstollen unter dem heutigen Akazienweg angelegt, durch den das Material mit Loren zum Werk auf die Kinzenbacher Seite transportiert wurde. Weiter wurde an dieser Stelle der bisherige Ablauf und die wenig befriedigenden Umstände des geplanten „Festplatzverkaufs“ an einen Investor kritisch angesprochen.

Am Haupteingang der Firma in der Berkenhoffstraße beleuchtete Willi Heß die Entstehung, Entwicklung und Ende der früheren Tonwerke Kinzenbach. Der bei der Bahngesellschaft beschäftigte Obersteiger Anton Müller entdeckte 1872 bei der Trassierung der „Kanonenbahn“ die Tonvorkommen und gründete die Dampfziegelei GmbH Kinzenbach. Müller verkaufte die Ziegelsteine zuerst oft an Bahn-gesellschaften für Eisenbahntunnel, – brücken und Bahngebäude. Auch der Kinzenbacher Bahnhof besteht aus „Müller-Steinen“. Die Geschäfte liefen so gut, dass 1905/06 die „Hessische Grube“ eröffnet wurde. Die zunehmenden Umstände des 1. Weltkriegs ab 1914, damit verbundene Führungsprobleme von Müllers Söhnen und finanzielle Risiken führten 1917 zum Konkurs der Dampfziegelei.

Die Firma Berkenhoff & Drebes, Aßlar, kaufte das Tonwerk für nur 35.000 RM und später auch das damalige Gasthaus „Zur Sonne“ gegenüber dem Kinzenbacher Bahnhof, deren Besitzer teilweise kriegsbedingt in Schwierigkeiten geraten war. Bis etwa in die 1960er Jahre wohnten Berkenhoffs Werkmeister und Führungskräfte in der „Sonne“, bis Berkenhoff sie parzelliert privat verkaufte. Anhand der Flurkarte wurde aufgezeigt, dass die südöstliche Ecke des Firmengeländes mit dem Eingang an der Berkenhoffstraße früher auf der hessischen Seite lag und im Zuge der anfangs genannten Grenzänderungen jetzt zur Gemarkung Kinzenbach zählt.

Auf dem Grenzweg (Foto: M. Henkelmann)

Von der Berkenhofstraße aus führte Markus Bepler die Teilnehmer dem sogenannten Grenzweg über die Kinzenbacher Platt Richtung Kinzenbacher Mühle.  Bei einem kurzen Halt wurde der heutige gepflegte Zustand der Mühlengebäude in Augenschein genommen.

Am Tennisheim erwarteten Ute Will und Edgar Neidel die Teilnehmer mit einem Imbiss und Getränken.

Markus Bepler berichtete dabei über einige geschichtliche Ereignisse der Kinzenbacher „Mandelmühle“, aus deren Bezeichnung sich der Nachname „Mandler“ ableitet, der in Kinzenbach weit verbreitet ist. Im Jahre 1384 wurde die Mühle erstmals urkundlich erwähnt und die Müller später als „Mandelmöller“ bezeichnet. Heute wird auch vermutet, dass der Name von einer Ansiedlung „Mandeln“ kommt, die in Mühlennähe bestanden haben soll. 1574 ging die „Mandelmühl uff der Bieber“ an Johann von Göns über, der in Kinzenbach Güter besaß. Zu der Zeit gehörte die Mühle zu Hessen. Am 31.12.1585 wechselte die Mühle gleich zweimal den Besitzer. Der Herr von Göns verkaufte sie an den hessischen Landgrafen Ludwig und dieser tauschte die hessische Kinzenbacher Mühle gegen die bisher nassauische Heuchelheimer Mühle. 

Ankunft am Tennisheim (Foto: M. Henkelmann)

Lange Zeit waren die Bauern dem Mühlenbann unterworfen und durften ihr Getreide nur in einer bestimmten Mühle mahlen lassen, erzählte Markus Bepler. Dies betraf die Bauern in Kinzenbach, Krofdorf, Gleiberg, Launsbach und einen Teil von Wißmar. Über die Jahrhunderte gab es viele Pächterwechsel, da die Mühle ja eine sogenannte „Erbstandsmühle“ war, also den nassauischen Grafen gehörte. Um 1900 übernahm dann die Familie Wallwaey die Mühle und ersetzte 1933 das alte Mühlrad durch eine effizientere Wasserturbine. Trotzdem rentierte sich der Betrieb immer weniger und 1964 wurde die Mühle stillgelegt. Seither haben die Wallwaeys die Gebäude saniert und ausgebaut und wohnen nach wie vor dort.

Bei der von Edgar Neidel toll vorbereiteten Verpflegungspause ergaben sich Fragen und lebhafte Gespräche zum Grenzgang und anderen Themen. Leider ließ der Regen nicht nach und hätte den weiteren Weg problematisch werden lassen. Daher machten sich die Teilnehmer durch die Mühlhohl auf zum Weiherplatz zum gemütlichen Ausklang bei der Geselligkeit „Frohsinn“ Kinzenbach.  Der zweite Teil des Grenzgangs ist für den Herbst geplant bei hoffentlich besserem Wetter.

 

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